Zuweilen verzehren sie [die Bewohner Brasiliens] auch
Menschenfleisch, doch nur
dasjenige ihrer Feinde und zwar nicht wegen des Geschmacks,
sondern wegen einer Sitte, die auf folgende Weise entstand:
Eine alte Frau hatte einen einzigen Sohn, welcher von den Feinden
getötet wurde. Einige Zeit nachher wurde der Mörder gefangen
und vor die Alte gebracht, die, um ihren Sohn zu rächen, sich wie
ein wildes Tier über ihn herwarf und eine seiner Schultern mit
den Zähnen zerfleischte. Der Mann hatte indessen das Glück,
aus den wütenden Händen der Alten zu entkommen, und zu den
Seinigen zurückzukehren, denen er die Spuren der Zähne auf seiner
Schulter zeigte und sie glauben machte (vielleicht es auch selbst
glaubte), seine Feinde hätten ihn lebendig auffressen wollen. Um
an Grausamkeit den andern nichts nachzugeben, entschlossen
sich seine Landsleute hierauf, ihre in den Schlachten gefangen
genommenen Feinde wirklich zu fressen; die Brasilianer taten dann
dasselbe. Sie verzehren ihre Feinde jedoch nicht auf der Stelle;
sondern zerstücken sie und verteilen die Stücke unter die Sieger.
Jeder nimmt den ihm zugefallenen Anteil nach Hause, trocknet
ihn im Rauche und lässt alle acht Tage ein kleines Stück davon
braten. Diese Nachricht habe ich von Juan Carvajo, unserem
Steuermann, erhalten, welcher vier Jahre in Brasilien zugebracht
hat.“

Antonio Pigafetta
In: Oscar Koelliker: Die erste Umseglung der Erde (Piper, 1908)


Montaigne_Buch_1_Menschenfresser

Michael Montaigne’s Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände
ins Dt. übers. von Johann Joachim Christoph Bode, Berlin 1793

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